In Erinnerung

«Il pli grond giavisch:
dar mes'ura tennis cun Roger Federer.»

– Sepp Bergamin, RTR «Profil», 2023
(Sein grösster Wunsch: eine halbe Stunde Tennis mit Roger Federer spielen.)

Sepp Bergamin wuchs in Schluein in einfachen Verhältnissen auf. Aus dem Buben, der nie eine Lehre machen konnte, wurde Hotelconcierge, Versicherer – und schliesslich für drei Jahrzehnte der bekannteste Tennislehrer von Chur.

Zur Person

Sepp Bergamin auf dem Tennisplatz – Rückhand-Vorbereitung

Josef Bergamin – von allen nur «Sepp» oder «Tennis-Sepp» genannt – kam am 19. Mai 1935 in Schluein (Schleuis) als Sohn von Maria Giuliana Bergamin-Solér in einfachen Verhältnissen zur Welt. Eine weiterführende Schule lag ausserhalb der finanziellen Möglichkeiten; stattdessen musste er sich in der Landwirtschaft betätigen. In der Primarschule sass er zusammen mit dem späteren Ständerat Luregn Mathias Cavelty in der Schulbank. Deutsch lernt Sepp erst ab dem zwölften Lebensjahr; neben Romanisch spricht er später auch Italienisch, Französisch und Englisch.

Ab Juni 1961 arbeitet Sepp als Concierge im Hotel Bellevue-Terminus in Engelberg, dazwischen mehrfach als Aushilfsconcierge im Hotel La Palma au Lac in Locarno. Von 1964 bis 1967 ist er Concierge im Hotel Walther in Pontresina. In der Hotellerie lernt Sepp seine Frau Erika (geb. Auer) kennen, mit der er Tochter Marion (Engelberg), Tochter Jacqueline (Samedan) und Sohn Jean-Pierre (Chur) hat. Von 1966 bis 1969 führen sie gemeinsam das Café «Calèche» in St. Moritz. Aus schulischen Gründen der Kinder folgt der Wechsel nach Chur, zunächst mit der Führung des Restaurants «Planaterra», was sich als Fehlentscheid erweist. Über Präsident «Hitsch» Eggenberger ebnet sich der Weg in den Tennisclub Chur und zur Leitung des Kiosks auf dem damaligen Tennisplatz auf der Quader. Mit rund 33 Jahren beginnt Sepp «aus einem Horror heraus» selbst Tennis zu spielen; nach drei Jahren lässt er sich zum Trainingsleiter ausbilden, später zum J+S-Leiter I und II. Ein Unfall mit Beinbruch wirft ihn neun Jahre zurück. Ab 1976 arbeitet er parallel als Versicherungsexperte bei der Basler Versicherung in Chur. 1983 erlangt Sepp das Diplom als Tennislehrer und Instruktor beim Schweizerischen Tennisverband (STV) und wird zusammen mit Daniel Bazzell vollamtlicher Tennislehrer des TC Chur auf der Oberen Au. Ab 1991 bildet er zusätzlich in der Ostschweiz Senioren-Tennis-Leiter aus. In Chur unterrichtet er bis 1995, anschliessend noch viele Jahre in Thusis und Bonaduz. Von 1994 bis 1998 arbeitet Sepp zusätzlich als Nachtconcierge im Hotel Sternen in Chur.

Bei der Einbürgerungsfeier der Bürgergemeinde Chur im April 2003 in der Stadthalle hielt der damalige Bürgermeister Dr. Rolf Stiffler die Ansprache und erwähnte Sepp als ersten neuen Churer Bürger, sinngemäss: «Nun ist endlich auch Sepp ein Churer Bürger.»

Über die Jahrzehnte hat Sepp in vielen Berufen gearbeitet:

  • Concierge (Engelberg, Locarno, Pontresina; später Nacht­concierge Hotel Sternen Chur 1994–1998)
  • Café- und Restaurant-Führung (Calèche, Planaterra)
  • Versicherungsberater
  • Tennislehrer (Chur, Thusis, Bonaduz)
  • Sportartikel-Verkäufer
  • Stadtführer in Chur
  • Chauffeur
  • Kurtaxen-Kontrolleur bei Touristen in Klosters

«Il contact cun la glieud hai jau adina gì dabot e positiv.»

– Sepp Bergamin, RTR «Profil», 2023 · Der Kontakt mit den Menschen war mir immer schnell wichtig und positiv.

Lebensweg

Vom Verdingbuben in Schluein über die Hotels der Innerschweiz und des Engadins bis zum «Tennis-Sepp» und Stadtführer in Chur – eine grobe Zeittafel.

  1. 1935

    Geboren in Schluein

    Am 19. Mai 1935 kommt Josef Bergamin in Schluein (Schleuis, Graubünden) in einfachen Verhältnissen zur Welt.

  2. um 1945

    Schule und Verdingkind

    Schule bis zur 5. Klasse. In der Primarschule sass Sepp zusammen mit dem späteren Ständerat Luregn Mathias Cavelty in der Schulbank – ein längerer Schulbesuch lag aber ausserhalb der finanziellen Möglichkeiten der Familie. Stattdessen arbeitet Sepp als Verdingkind bei Bauern und hütet im Sommer Geissen auf der Alp.

  3. Kindheit

    Wie durch ein Wunder: Axt-Unfall

    Als kleiner Junge erleidet Sepp einen schweren Unfall mit einer Axt. Wie durch ein Wunder überlebt er – im Spital Ilanz kann ihm die fast gänzlich abgetrennte Hand wieder angenäht werden.

  4. Jugendzeit

    Eidgenössisches Feldschiessen

    Als Jugendlicher ist Sepp ein guter Schütze und darf ans Eidgenössische Feldschiessen reisen – seine erste Reise ausserhalb des Kantons. Statt mit einer Medaille kommt er allerdings mit leeren Händen zurück: die Gruppe habe «mehr gefeiert als getroffen», erzählt er später.

  5. um 1953

    Wanderschaft in die Innerschweiz

    Als junger Mann geht Sepp auf Wanderschaft in die Innerschweiz und beginnt im Gastgewerbe zu arbeiten.

  6. 1961–1964

    Hotel Bellevue-Terminus, Engelberg

    Ab Juni 1961 arbeitet Sepp als Concierge im Hotel Bellevue-Terminus in Engelberg. Hier lernt er seine spätere Frau kennen; auch Tochter Marion kommt in Engelberg zur Welt. Dazwischen wirkt er mehrfach als Aushilfsconcierge im Hotel La Palma au Lac in Locarno.

  7. 1964

    Berufsausweis Gastgewerbe

    Die Schweizerische Fachkommission für das Gastgewerbe stellt Sepp den Berufsausweis für Hallen- und Etagenangestellte aus – auf Grund mehrjähriger Berufstätigkeit im Gastgewerbe.

  8. 1964–1967

    Hotel Walther, Pontresina

    Sepp ist Concierge im Hotel Walther in Pontresina – damals unter der Familie Walther, heute ein Relais & Châteaux-Haus. Die Familie wohnt in Samedan, wo Tochter Jacqueline im Spital Samedan zur Welt kommt. Einem Hotelgast fehlte der Tennispartner – so kam Sepp zum Tennis.

  9. 1966–1969

    Café «Calèche», St. Moritz

    Gemeinsam mit Frau Erika führt Sepp von 1966 bis 1969 das Café «Calèche» in St. Moritz. In dieser Zeit absolviert er seine ersten Weiterbildungen zum Tennislehrer.

  10. ab 1969

    Umzug nach Chur

    Aus schulischen Gründen der Kinder folgt der Wechsel nach Chur, wo Sepp und seine Frau die Führung des Restaurants «Planaterra» übernehmen – ein Fehlentscheid, wie sich herausstellt. Immerhin ebnet diese Zeit über den Kontakt zu Präsident «Hitsch» Eggenberger den Weg in den Tennisclub Chur und zur Leitung des Kiosks auf dem damaligen Tennisplatz auf der Quader. In Chur kommt Sohn Jean-Pierre zur Welt. Sepp absolviert den Tennistrainer-Kurs in Meiringen sowie die Skilehrer-Ausbildung und wird Jugend+Sport-Leiter.

  11. 1976

    Versicherungsexperte – Basler Versicherung

    Nach der Basler Expertenschulung erhält Sepp seinen Ausweis als Versicherungsexperte der Basler Versicherung, Generalagentur Chur. Parallel wächst die Leidenschaft für Tennis, Golf, Curling und Billard.

  12. 1983

    STV-Diplom & vollamtlicher Tennislehrer TC Chur

    Sepp erhält das Diplom als Tennislehrer und Instruktor beim Schweizerischen Tennisverband (STV) – belegt im Tagesablauf-Porträt der Bündner Woche 1986. Das Bündner Tagblatt berichtet im September 1983 aus dem Tennisclub Chur (1300 Mitglieder, grösster Verein im Kanton): über 400 Buben und Mädchen werden in 28 Kursen unterrichtet – durch «zwei vollamtliche Tennislehrer: Sepp Bergamin und Daniel Bazzell», sowie 60 ausgebildete J+S-Leiter. Trainingsort: die Anlagen auf der Oberen Au (am Ende der Felsenaustrasse).

  13. ab 1991

    Senioren-Leiter-Ausbildung Ostschweiz

    Sepp bildet in der Ostschweiz Leiter:innen für Senioren-Tennis aus und führt am TC Chur die ersten Senioren-Kurse selbst durch (7 Frauen, 8 Männer im Premieren-Kurs). Im Zentrum stehen Plausch, Koordination und das Wissen über den eigenen Körper – siehe Bündner-Woche-Reportage 1993.

  14. bis 1995

    Tennislehrer in Chur, Thusis und Bonaduz

    Über mehrere Jahrzehnte ist Sepp als Tennislehrer in Chur tätig – die halbe Stadt kennt ihn als «Tennis-Sepp». Bis 1995 unterrichtet er in Chur, danach noch viele Jahre in Thusis und Bonaduz.

  15. 1994–1998

    Nachtconcierge Hotel Sternen, Chur

    Parallel zum Tennisunterricht arbeitet Sepp als Nachtconcierge im Hotel Sternen in Chur.

  16. 1996

    Mitgründer TC Haldenstein

    Sepp gründet mit Orlando und Pia Jäger, Jörg Lütscher und Markus Willi den Tennis Club Haldenstein – siehe Jubiläumsbroschüre «20 Jahre TCH».

  17. 1997

    Erster Clubmeister TCH

    In der Premierensaison gewinnt Sepp die Herren-Vereinsmeisterschaft des TC Haldenstein.

  18. 2003

    Einbürgerungsfeier in der Stadthalle Chur

    Im April 2003 findet in der Stadthalle Chur die Feier zur Einbürgerungsaktion 2001 statt. Der damalige Bürgermeister Dr. Rolf Stiffler hält die Ansprache und erwähnt Sepp als ersten neuen Churer Bürger – sinngemäss: «Nun ist endlich auch Sepp ein Churer Bürger.»

  19. ab ~1997

    Stadtführer in Chur

    Sepp entdeckt seine Leidenschaft für das alte Chur. Über zwei Jahrzehnte baut er sich als Stadtführer einen regelrechten «Fanclub» auf (Stand BT 2017).

  20. 2004

    Golf entdeckt

    Mit 69 Jahren entdeckt Sepp im Golf eine neue Sportart. Am Tag nach seinem 75. Geburtstag (2010) spielt er in Domat/Ems sein bestes Turnier und ebnet mit seinem Sieg (Handicap 16,1) dem Team die Teilnahme an einem Turnier in Zell am See.

  21. vor 2017

    Neuanfang: Billard

    Gesundheitliche Probleme nach einem Zeckenbiss und eine Hüftoperation zwingen den Sportler zu einem Neuanfang. Sepp beginnt mit Billardspielen – «die ersten Erfolgserlebnisse haben sich bereits eingestellt» (BT 2017). Einmal spielt Sepp gegen den früheren Billard-Europameister Mario He.

  22. 2023

    Villa Sarona, Chur

    Seit 2023 wohnt Sepp in der Villa Sarona in Chur, einem Wohn- und Pflegezentrum für Seniorinnen und Senioren. Dort begegnet er auch Luregn Mathias Cavelty wieder, mit dem er einst in der Primarschule die Schulbank teilte.

  23. 2023

    RTR-Porträt «Profil»

    Im September 2023 widmet RTR Sepp ein 58-minütiges Porträt: «Il pli grond giavisch: dar mes'ura tennis cun Roger Federer.»

Tennis-Karriere

Sepp war nicht nur Trainer, sondern auch ein leidenschaftlicher Wettkampfspieler. Bis ins hohe Seniorenalter spielte er Turniere und Mannschaftsmeisterschaften.

Mitgründer TC Haldenstein

1996 gründete Sepp gemeinsam mit Orlando und Pia Jäger, Jörg Lütscher und Markus Willi den Tennis Club Haldenstein (Jubiläumsbroschüre).

Erster Clubmeister 1997

In der allerersten Saison gewann er die Herren-Vereinsmeisterschaft des TC Haldenstein.

J+S-Kursleiter

Über viele Jahre leitete er mit Pia Jäger die J+S-Kindertenniskurse am TC Haldenstein.

2004 – Rang 2 der Bündner Senioren

Im Frühjahr 2004 belegt Sepp in der Bündner Senioren-Rangliste Kategorie S5 mit R6 (Wert 4.610) den 2. Platz im Kanton.

BTM 2004 – Halbfinal

Heim-Turnier am TC Chur, Setzplatz #4 in S3–S7. Sepp schlägt Andy Corai und Ferdinand Bacher, im Halbfinal verliert er gegen Setzplatz #1 Alban Hug. Doppel-Partner: Max Frey.

BTM 2006 – Topseed

Bei den Bündner Senioren-Meisterschaften 2006 in Arosa war Sepp Setzplatz #1 der Kategorie S3-S7.

Beste Klassierung R4

In seiner stärksten Zeit erreichte Sepp die Klassierung R4. Der spätere Abstieg auf R5 «hat ihn ziemlich gewurmt» (BT 2017).

3× Bündner Meister 55+

Vor der Seniorenkategorie S5/S6 wurde Sepp dreimal Bündner Meister in der Kategorie 55+ (BT 2017).

Schweizer Meister Senioren-NLB

Mit dem TC Chur Senioren-Interclub-Team (Sepp, Reto, Toni, Zetta, Karli) wurde Sepp Schweizer Meister in der Senioren-Nationalliga B.

Spiel mit Klaus Fuhrmann

Bei den internationalen Tennismeisterschaften in Klosters spielte Sepp gegen den zweifachen Senioren-Weltmeister Klaus Fuhrmann (D). Er gewann einen Punkt – und erzählt diese Geschichte bis heute.

Bilder-Galerie

Eine kleine Auswahl von Augenblicken aus Sepps Leben.

Presse

Vier Zeitungs- und Vereinspublikationen haben Sepps Wirken über die Jahrzehnte dokumentiert: ein ausführliches Porträt im Bündner Woche von 1986, eine Senioren-Tennis-Reportage ebenfalls im Bündner Woche aus 1993, das Bündner-Tagblatt-Porträt zum 82. Geburtstag und die Jubiläumsbroschüre des TC Haldenstein.

Sepp Bergamin auf dem Tennisplatz – Rückhand-Vorbereitung

«Wie ‹Tennis-Sepp› zur Marke wurde»

Bündner Tagblatt · «Kopf der Woche» · 27.07.2017 · Norbert Waser

«Ob Tennis, Golf oder heute Billard; Freude am Sport ist für Sepp Bergamin (82) Lebenselixier. Diese Freude vermittelte ‹Tennis-Sepp› mit viel Charme auch über Jahrzehnte als Lehrer auf dem Tennisplatz.»

Sepp Bergamin mit J+S-Kindertenniskurs am TC Haldenstein

«20 Jahre Tennis Club Haldenstein» – Jubiläumsbroschüre

TC Haldenstein · 2017

Die Jubiläumsbroschüre zum 20-jährigen Bestehen des TC Haldenstein würdigt unter anderem die Gründungsmitglieder – darunter Sepp Bergamin, der 1996 zu den Mitbegründern zählte und in der Premierensaison 1997 gleich Herren-Vereinsmeister wurde.

Zeitungsartikel «Wie ein Tennis-Nobody seinen Weg machte»

«Wie ein ‹Tennis-Nobody› seinen Weg machte…»

Bündner Woche · 25. Juni 1986 · Karin Huber

Porträt über Sepps Tagesablauf als gefragter Tennislehrer am TC Chur. Er erzählt, wie er mit 33 Jahren «aus einem Horror heraus» Tennis zu spielen begann, wie ihn ein Unfall neun Jahre zurückwarf, und wie ein Montag mit 13 Lektionen – die erste um 6.00 Uhr – aussieht: 15–20 km Laufdistanz und rund 10'000 Bälle über das Netz, pro Tag.

Zeitungsartikel «Tennis: Senioren trainieren mit Sepp Bergamin»

«Tennis: Senioren trainieren mit Sepp Bergamin»

Bündner Woche · ca. 1993 (Sepp 58) · Bilder: Werder

Reportage über den ersten Senioren-Tenniskurs des TC Chur (7 Frauen, 8 Männer) unter Sepps Leitung. Seit 1991 bildet Sepp in der Ostschweiz Senioren-Tennis-Leiter aus – Plausch, Koordination und Wissen über den eigenen Körper stehen im Zentrum. Inkl. legendärer Wirbel-Anekdote.

Radio-Porträt – RTR «Profil»

Am 9. September 2023 widmete Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) Sepp ein 58-minütiges Porträt in der Sendung «Profil». Autorin: Claudia Cathomen. Sendetitel: «Il pli grond giavisch: dar mes'ura tennis cun Roger Federer.»

Todesanzeige

Todesanzeige Josef «Sepp» Bergamin

Josef «Sepp» Bergamin

∗ 19.05.1935 · † 16.05.2026

Wir werden dich als Vater, Tat, «Tennis-Sepp», Golfpartner, Billiardspieler, Skilehrer und Stadtführer immer in Erinnerung behalten.